Riskante Angst vor dem Strahlenrisiko
Die Mammographie als Beispiel / Weit überwiegender Nutzen / Mängel in Arztpraxen
Brustkrebs ist eine der größten Bedrohungen für die Gesundheit und das Leben der Frauen. Ungefähr 12 Prozent erkranken im Verlauf ihres Lebens an solchen Tumoren, und etwas mehr als fünf Prozent sterben daran. Da die Heilungsaussichten um so besser sind, je früher die Geschwulst entdeckt wird, kann die Röntgenuntersuchung der Brust lebensrettend sein. Wegen des Strahlenrisikos sind viele Frauen jedoch verunsichert. Dabei ist dieses außerordentlich klein.
Das zeigen zahlreiche Studien, deren Ergebnisse Horst Jung vom Institut für Biophysik und Strahlenbiologie an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf zusammengetragen hat. Er berichtete darüber unlängst auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie in Berlin.
Ionisierende Strahlung, wie sie von Röntgengeräten abgegeben wird, kann auch in geringer Dosis Krebs verursachen. Nutzen und Gefährdung müssen deshalb stets gegeneinander abgewogen werden. Geschieht das nicht, kommt es zu einem verzerrten Bild. Ein eklatantes Beispiel dafür ist eine öffentliche Erklärung, die im Mai 1990 von einigen Fachleuten für Strahlenschutz herausgegeben wurde. Darin hieß es, die Röntgendiagnostik fordere jährlich bis zu 20 000 Krebstote. Der Nutzen indes wurde nicht beziffert. Die Deutsche Röntgengesellschaft sprach von einer politisch motivierten "Horrorzahl", die in krassem Gegensatz zu der Auffassung zahlreicher wissenschaftlicher Fachgesellschaften und Gremien stehe.
Zur Beurteilung des Risikos, infolge einer Mammographie an Brustkrebs zu erkranken, können die Wissenschaftler nach Angaben von Jung im wesentlichen auf zwei große Studien zurückgreifen. Die eine wurde während der Jahre 1970 bis 1985 in Massachusetts vorgenommen, die andere beruht auf Beobachtungen in Hiroshima und Nagasaki.
Für die Untersuchung in Massachusetts wählte man rund 2500 Frauen aus, die viele Jahre zuvor im Verlauf einer schweren Tuberkulose außerordentlich oft - durchschnittlich 88mal - durchleuchtet worden waren. Daraus läßt sich eine mittlere Strahlendosis von knapp 800 Millisievert pro Patientin ableiten. Eine beidseitige Mammographie mit je zwei Aufnahmen führt zu einer Dosis von etwa fünf Millisievert im Brustgewebe.
Ebenfalls untersucht wurde das Erkrankungsrisiko bei Frauen, die in denselben Sanatorien behandelt, aber nicht durchleuchtet worden waren. Dies führte zu dem Ergebnis, daß die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, durch das häufige Röntgen um 44 Prozent erhöht wurde. Es ergab sich ein weitgehend linearer Zusammenhang mit der Strahlendosis. Ein solcher Zusammenhang läßt sich auch aus den Beobachtungen in Hiroshima und Nagasaki ableiten.
Die Studien in Massachusetts sowie in Hiroshima und Nagasaki sind nach Angaben von Jung die wichtigsten, die eine Aussage über die Erkrankungshäufigkeit ermöglichen. Daneben gibt es rund zwei Dutzend Untersuchungen zum Mortalitätsrisiko, also zu der Wahrscheinlichkeit, an strahlenbedingtem Brustkrebs und anderen Tumoren zu sterben. Die Internationale Strahlenschutzkommission hat aufgrund der Daten ein allgemeines Krebsrisiko von fünf Prozent je Sievert errechnet. Von 100 Menschen, die von Kopf bis Fuß einer solchen Dosis ausgesetzt sind, werden demnach fünf im Laufe ihres Lebens an strahlenbedingtem Krebs sterben. Vorherrschend sind Leukämien sowie Tumoren der Lunge, des Dickdarms, Magens sowie der Brust. Das Risiko, nach einer solchen Dosis an Brustkrebs zu sterben,
wurde ursprünglich mit 0,2 Prozent angegeben. Es muß aber, wie nicht zuletzt aus Untersuchungen von Jung hervorgeht, eher mit 0,6 Prozent angesetzt werden.
Setzt man für eine Mammographie fünf Millisievert voraus, ergibt sich nach den vorsichtigen Rechnungen der Strahlenbiologen eine Wahrscheinlichkeit von 0,003 Prozent, aufgrund dieser Dosis an Brustkrebs zu sterben. Noch nicht berücksichtigt ist hierbei allerdings, in welchem Alter die Röntgenaufnahme erfolgt. Eine solche Unterscheidung muß man aber unbedingt vornehmen. Das hängt zum einen damit zusammen, daß der Tumor durchschnittlich erst nach mehr als 40 Jahren auftritt.
Jüngere Frauen sind demnach stärker gefährdet als ältere. Zum anderen reagiert das Gewebe der Brust nicht immer gleich. In jungen Jahren ist es besonders empfindlich für Strahlung.
Eine Röntgenuntersuchung der Brust im Alter von 10 bis 20 Jahren birgt ein 15mal so hohes Risiko wie eine Mammographie bei 40 bis 50 Jahre alten Frauen. Diese Tatsache ist, wie Jung beklagt, bislang noch nicht allgemein bekannt, auch nicht bei allen Radiologen. Erfolgt die Mammographie im Alter von 50 bis 60 Jahren, beträgt das Mortalitätsrisiko hingegen nur noch ein Drittel. Bei Frauen, die noch älter sind, sinkt das Risiko sogar praktisch auf Null.
Der Hamburger Strahlenbiologe verdeutlichte das wirkliche Risiko. anhand eines Beispiels: Bei einer 40 Jahre alten Frau wird jährlich eine Mammographie vorgenommen, und zwar bis zum 70. Lebensjahr. Für sie beträgt das Risiko, infolge der Strahlung an Brustkrebs zu erkranken, 0,03 Prozent. Die Häufigkeit, die allgemein bei 12 Prozent liegt, erhöht sich somit in diesem Fall auf 12,03 Prozent. Bei derart vielen Untersuchungen ist freilich damit zu rechnen, daß ein sich entwickelnder Tumor frühzeitig erkannt wird. Mehreren Studien zufolge nimmt die Mortalität dann um ein Drittel ab - auch die Mortalität jener Frauen, deren Krebserkrankung auf die Strahlung zurückzuführen ist.
Insgesamt übertrifft in diesem Beispiel der Nutzen das Risiko um das Hundertachtzigfache. Beginnt man mit den jährlichen Mammographien erst im Alter von 50 Jahren, beträgt das Verhältnis sogar 300 bis 400 zu 1. Überdies gibt der Hamburger Strahlenbiologe zu bedenken, daß sich der Nutzen - nämlich nicht an Brustkrebs zu sterben - innerhalb weniger Jahre nach der Untersuchung äußert. Das strahlenbedingte Risiko hingegen kommt erst nach Jahrzehnten zum Tragen. Es spielt, zumal für Frauen im Alter von mehr als 50 Jahren, nach Überzeugung von Jung eine "absolut untergeordnete Rolle". Dies müsse bei der gegenwärtigen Diskussion darüber, ob Mammographien in das gesetzliche Programm zur Krebs-Früherkennung aufgenommen werden sollten, bedacht werden.
So überzeugend sich der Nutzen aus wissenschaftlicher Sicht darstellt - in der Praxis gesellt sich zu den Gesetzen der Strahlenbiologie so manche Unwägbarkeit menschlicher und technischer Art.
Vermeidbare Mängel tragen entscheidend zu dem schlechten Ruf bei, der dem Röntgen weithin anhaftet. Über einen spektakulären Fall hatte gerade dieser Tage der Bundesgerichtshof zu befinden. Hierbei ging es um einen Orthopäden, der seine Patienten eifrig durchleuchtet hatte, um das Einkommen zu verbessern. Das kann, wie die Richter entschieden, als gefährliche Körperverletzung bestraft werden.
Es sind freilich nicht die eklatanten Fälle, die das Röntgen ins Zwielicht gebracht haben, sondern die alltäglich anzutreffenden Mißstände. Die Anfang der neunziger Jahre vorgenommene Deutsche Mammographie-Studie offenbarte erschreckende Qualitätsmängel. Statt der von Fachleuten für ausreichend gehaltenen Dosis von drei bis fünf Millisievert wurden die Patientinnen in den untersuchten Arztpraxen durchschnittlich 10 bis 14 Millisievert ausgesetzt. Was die Fokussierung der Röntgenröhren betrifft, die für das Erkennen von Karzinomen entscheidend ist, erreichte nur jedes zweite Gerät einen gerade noch tolerierbaren Wert.
Über die Qualifikation vieler Ärzte beim Fahnden nach Tumoren der Brust war einer der Fachleute "erschüttert". Zwar wurden fortan Maßnahmen zur Verbesserung der Situation ergriffen, doch anscheinend liegt immer noch manches im argen. Dies zeigt etwa die in Hessen vorgenommene Untersuchung zur Qualitätssicherung in der Mammographie. Allein in den Krankenhäusern mußte fast jedes fünfte Gerät stillgelegt werden. Jede dritte der von Gynäkologen, sowie ungefähr jede fünfte der von Radiologen und Krankenhäusern vorgelegten Aufnahmen wies schwere Mängel auf. Als "bester Mammographeur Hessens" entpuppte sich zur Überraschung der Fachleute weder ein Gynäkologe noch ein Radiologe, sondern ein Chirurg.
Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.12.97